Happen Fünftausend 02

REPORT :::
NEU :::
Happen Fünftausend.
Nummer 2. Januar 2026.
Jahresbericht Anikkänbrö&Knetemelk.
8,5×12,5cm. 16 Seiten. Umsonst.
117 H 002 / ISBN ohne.

Dies ist die zweite Ausgabe von Happen Fünftausend. Nach der herausragenden Apfelernte im Herbst 2025 gibt es in diesem Jahr einen längeren Bericht aus dem Bereich der Apfelkunde:
Wie bereits im letzten Happen beiläufig erwähnt, stehen in unserem Garten drei Apfelbäume, die mir im Laufe der Jahre ans Herz gewachsen sind: ein Cox Orange, ein Krügers Dickstiel sowie ein Prinz Albrecht von Preußen. In diesem Herbst jedoch war es vor allem der Cox Orange, der sich in besonderer Freigiebigkeit zeigte und uns mit einer reichen Ernte beglückte, wie man sie nicht in jedem Jahr erwarten darf. Er schenkte uns einen wahrhaft frohen Apfelherbst. Selbst im Vergleich zu meinem sonstigen Lieblingsapfel, dem Holsteiner Cox, den ich, sofern er aufzutreiben ist, bevorzugt im Bioladen oder auch bei Rewe erwerbe, wusste der Baum aus dem eigenen Garten vollends zu überzeugen. Es ist ein Apfel von bemerkenswerter Güte. Man isst ihn langsam. Sein Äußeres ist von ausgesprochener Schönheit. Auf einer gelblich-grünen Grundfärbung zeigt sich zur Sonnenseite hin ein warmer Hauch von Orange bis Erdbeerrot. Diese Zeichnung tritt besonders klar hervor, wenn der Ernte einige kühle Nächte vorausgehen, eine Beobachtung, die der erfahrene Gärtner stets mit stiller Genugtuung macht. Die Schale ist in der Regel trocken, kann jedoch gelegentlich eine feine Wachsschicht ausbilden. Die Lentizellen erscheinen unregelmäßig verteilt, teils als kleine Roststernchen, teils als helle Pünktchen. Häufig findet sich zudem ein zarter, netzartiger Rost, der der Frucht eher Würde als Makel verleiht.
Der Ursprung dieser Sorte führt uns zurück ins Jahr 1825, als der englische Hobbygärtner Richard Cox auf seinem Anwesen Colnbrook Lawn in Buckinghamshire einen Sämling selektierte, der angeblich aus einer freien Abblüte des Ribston Pepping hervorgegangen war. Neuere molekulargenetische Untersuchungen legen nahe, dass die viktorianische Sorte Margil eine der Eltern gewesen sein dürfte, bestäubt von einer heute vermutlich verlorenen Varietät. Cox Orange entstammt denselben Zuchtversuchen wie die zeitweise ebenfalls geschätzte Cox Pomona. Richard Cox selbst jedoch war kein Mann der Vermarktung, er zog seine Bäume lediglich in der eigenen Baumschule. Der Originalbaum stand bis 1911, ehe er einem Sturm zum Opfer fiel. Ein Umstand, der mir beim Schreiben eine gewisse Melancholie abverlangt. Erst andere erkannten, was hier heranwuchs. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Apfel verbreitet, ausgestellt, prämiert. 1857 schließlich übertraf er auf der Fruit Show der Horticultural Society den bis dahin hochverehrten Ribston Pepping. Um ihn von anderen „Orange Pippins“ zu unterscheiden, erhielt er den Namen „Cox’s Orange Pippin“. Dass die höchste Auszeichnung der Royal Horticultural Society erst 1962 folgte, erscheint beinahe ironisch, war der Apfel doch längst zu einem Grundpfeiler des britischen Obstbaus geworden. Über Jahrzehnte rivalisierten Cox Orange und Ribston Pepping um den Rang des geschmacklich vollkommensten Apfels. Ihre Aromen sind einander verwandt, doch ist der Cox süßer, gefälliger vielleicht. Seine Anhänger lobten genau dies, während die Freunde des Ribston Pepping dessen größere Tiefe und Ausgewogenheit rühmten. In Deutschland galt der Cox Orange noch im Jahr 1870 gemeinsam mit der Ananasrenette als „wenig oder gar nicht bekannte Sorte, deren Anbau zu empfehlen ist“, wie es in der Wochenschrift des Vereins zur Beförderung des Gartenbaues in den Königlich Preußischen Staaten anlässlich der Oberdieck-Feier in Braunschweig heißt.
Gerade zur Ananasrenette sei mir eine persönliche Anmerkung gestattet. Ich habe diesen Apfel bislang nie gegessen, würde ihn aber sofort kaufen, wenn er dann einmal im Bioladen oder bei Rewe angeboten würde. Er zählt zu den geschätztesten Sorten im Pomarium Frisiae, dem friesischen Obstgarten in Emden, wo über sechshundert Apfelsorten erhalten und veredelt werden. Man wählt eine Sorte, sie wird im Winter veredelt, und im darauffolgenden Herbst kann der junge Baum zum Selbstkostenpreis abgeholt werden, ein stilles, beinahe altmodisches Modell der Obstkultur, das mir außerordentlich sympathisch ist. Die Ananasrenette, auch Goldapfel oder Reinette Ananas genannt, zählt obviously zu den Renetten. Sie stammt aus den Benelux-Ländern und wird seit etwa 1820 auch im Rheinland kultiviert. Es handelt sich um eine typische Sorte für den Hausgarten: ein verlässlicher Wirtschaftsapfel zum Entsaften, Einkochen, Kochen und Backen, zugleich aber ein feines Tafelobst. Die Früchte bleiben eher klein und sind bei guter Lagerung bis in den Februar hinein essbar. In warmer Umgebung entwickeln sie einen auffallend intensiven Duft, der tatsächlich an Ananas erinnert. Erstmals beschrieben wurde die Sorte 1826 von August Friedrich Adrian Diel. Ihr würzig-süßer Geschmack mit Ananas- und Zitrusnoten, der dem güldenen Fruchtfleisch entstammt, machte sie im 19. Jahrhundert sehr beliebt. Zwar gilt der Baum als schwachwüchsig und etwas anspruchsvoll in Bezug auf den Boden, doch wird dies stets durch die Qualität der Frucht aufgewogen. Heute ist die Ananasrenette eine alte, beinahe vergessene Sorte, deren Wiederentdeckung nur zu begrüßen ist.
Wenn sich mir heute noch einmal die Gelegenheit böte, drei Apfelbäume zu pflanzen, so fiele meine Wahl ohne langes Zögern auf folgende drei Sorten: Cox Orange, Ribston Pepping und Ananasrenette.

117 Happen 002
Happen Fünftausend. Jahresbericht Anikkänbrö&Knetemelk
ISBN komplett ohne